22. Juni 2026 | Heinz W. Süess
Ein junger Beruf zwischen Pionierarbeit und offenen Fragen — keine nationale Registrierung, kaum Lohndaten, aber ab Herbst 2026 erstmals ein akademischer Bachelor-Weg.
Im Vergleich zu den USA, den Niederlanden und Deutschland steht die Schweiz beim Berufsbild des Physician Assistant – hierzulande meist als Physician Associate oder „Klinische:r Fachspezialist:in" bezeichnet – noch ganz am Anfang. Es gibt keinen eigenständigen, etablierten Studiengang, keine bundesweite Registrierungspflicht und bislang nur eine einzige Ausbildungsstätte für den bisherigen Weiterbildungsweg.
Was es aber gibt: erste ermutigende Praxiserfahrungen, eine wachsende Berufsorganisation – und mit dem Start eines Bachelor-Studiengangs im Herbst 2026 einen echten Wendepunkt. Dieser Beitrag ordnet ein, was über den PA-Beruf in der Schweiz bekannt ist – und was (noch) nicht.
Entstehung und Ausbildung
Vom Pilotprojekt eines Spitals zu zwei parallelen Ausbildungswegen
Der Beruf wurde 2015 am Kantonsspital Winterthur initiiert; der erste Studierendenjahrgang startete 2017 im Rahmen eines Certificate of Advanced Studies (CAS) (Physician Associates Switzerland, o. D.-b). Anders als in Deutschland (grundständiger Bachelor) oder den Niederlanden (eigenständiger Master) war die Schweizer Ausbildung bislang ausschliesslich als berufsbegleitende Weiterbildung konzipiert: Zugelassen werden diplomierte Pflegefachpersonen HF mit mindestens zwei Jahren klinischer Berufserfahrung; während der Weiterbildung wird häufig eine Anstellung von mindestens 50 % vorausgesetzt.
Angeboten wurde diese Weiterbildung schweizweit bislang ausschliesslich von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW): ein dreistufiges CAS-Programm, darauf aufbauend der MAS „Physician Associate Skills" (ZHAW, o. D.). Ein offizieller, gesamtschweizerisch anerkannter Regelabschluss fehlte bislang – das Ausbildungsniveau variierte je nach individuellem Werdegang.
Mit dem Bachelorstudiengang Physician Assistance (B.Sc.) startet erstmals ein primär-qualifizierendes, akademisches Studienangebot für die Schweiz – angeboten von der creaSKILL GmbH (Rothrist AG) gemeinsam mit der deutschen Fachhochschule des Mittelstands (FHM, Bielefeld), die ihr in Deutschland etabliertes PA-Curriculum auf die Schweizer Bedürfnisse angepasst hat (creaSKILL GmbH, o. D.).
Damit entstehen ab Herbst 2026 zwei parallele Ausbildungswege – strukturell sehr unterschiedlich:
ZHAW-Weg
- FormatCAS → MAS, Weiterbildung
- ZugangPflegefachperson HF + 2 J. Erfahrung
- Dauer3–5 Jahre, berufsbegleitend
- AbschlussMAS Physician Associate Skills
- TrägerZHAW (einzige Anbieterin)
FHM-Weg
- FormatBachelorstudiengang, grundständig
- Zugang3-j. Gesundheitsausbildung oder Matura
- Dauer9 Trimester, berufsbegleitend
- AbschlussBachelor of Science
- TrägercreaSKILL (CH) + FHM (DE)
Ob und wie sich die beiden Wege künftig zueinander positionieren – etwa bei der gegenseitigen Anerkennung oder als gemeinsamer Mindeststandard – ist derzeit offen.
Ursprünglich an der Deutschschweiz konzentriert, breitet sich das Berufsbild inzwischen auch in der Romandie und im Tessin aus (Physician Associates Switzerland, o. D.-b).
Wie viele PAs gibt es – und warum diese Frage schwer zu beantworten ist
Anders als in NL oder DE: keine amtliche Statistik
Im Gegensatz zu den Niederlanden, wo das BIG-register jede registrierte PA exakt erfasst, oder Deutschland, wo der Hochschulverband Physician Assistant jährlich Absolvent:innenzahlen veröffentlicht, existiert in der Schweiz kein vergleichbares nationales Register. Die einzige öffentlich kursierende Schätzung – rund 100 aktive PAs im Jahr 2024 – stammt aus einer Wikipedia-Zusammenstellung, nicht aus einer amtlichen Statistik (Wikipedia, 2024). Diese Datenlücke ist selbst aussagekräftig: Sie zeigt, wie jung und zahlenmässig klein der Beruf in der Schweiz noch ist.
Seit dem 2. April 2022 gibt es mit Physician Associates Switzerland (PAS) einen eigenen Berufsverband mit Sitz in Winterthur ZH (Physician Associates Switzerland, o. D.-a). Auch belastbare, repräsentative Lohndaten fehlen bislang – die im Internet kursierenden Zahlen stützen sich auf einzelne, teils widersprüchliche Quellen mit sehr kleinen Stichproben und sind daher hier bewusst nicht zitiert.
Was zeigt die bisherige Evidenz?
Eine publizierte Studie – ermutigend, aber von begrenzter Reichweite
Die bislang aussagekräftigste publizierte Untersuchung stammt aus der Chirurgie des Kantonsspitals Thurgau (Frauenfeld), wo PAs 2019 eingeführt wurden (Halvachizadeh et al., 2022). In einer Querschnittsbefragung von Pflegepersonal und Ärzt:innen (n = 53), durchgeführt 6 und 12 Monate nach der Einführung, zeigten sich mehrere signifikante Effekte: Die Kontinuität der täglichen Visiten verbesserte sich deutlich (2,9 → 3,5 von 5 Punkten, p = .05), ebenso die Zusammenarbeit zwischen Pflege und Ärzteschaft (3,6 → 4,2 Punkte, p = .05). Ärzt:innen berichteten eine signifikante Entlastung der Assistenzärzt:innen (p = .046).
Es handelt sich um eine selbst entwickelte, nicht validierte Befragung an einem einzelnen Zentrum mit lediglich zwei eingesetzten PAs. Verglichen mit der methodisch wesentlich stärkeren niederländischen Multicenter-Studie (Timmermans et al., 2017) befindet sich die Schweizer Evidenzbasis noch auf dem Niveau einer einzelnen, deskriptiven Fallstudie – ermutigend, aber nicht generalisierbar.
Ein verwandtes, aber eigenständiges Modell
Präklinische Fachspezialist:innen — oft verwechselt, strukturell getrennt
Parallel zur klinischen PA-Weiterbildung hat Schutz & Rettung Zürich ein eigenes Modell für den Rettungsdienst entwickelt: die „präklinischen Fachspezialist:innen". Nach dreijähriger Vorbereitung wurden die ersten beiden Fachspezialist:innen einsatzbereit, fünf weitere befanden sich in Ausbildung (PA Blog, 2025). Sie rücken zu Einsätzen ohne unmittelbare Lebensgefahr aus und sollen jährlich knapp 2'000 Spitaltransporte vermeiden. In der Praxis wird der Begriff oft synonym mit „Physician Assistant" verwendet – ist aber ein eigenständiger Ausbildungs- und Einsatzpfad für die präklinische, nicht die klinische Versorgung.
Fazit
Die Schweiz ist von den vier hier betrachteten Ländern – USA, Niederlande, Deutschland, Schweiz – sowohl beim Reifegrad des Berufsbilds als auch bei der Datenlage am wenigsten weit fortgeschritten: keine nationale Registrierung, keine belastbaren Lohnstatistiken, bislang kein landesweit etablierter Regelabschluss, und die bislang einzige publizierte Wirksamkeitsstudie stammt von einem einzigen Zentrum mit zwei PAs. Was es gibt, ist ermutigend: eine seit 2022 aktive Berufsorganisation, wachsende geografische Verbreitung über die Deutschschweiz hinaus, erste positive Praxisdaten zur Zusammenarbeit von Pflege und Ärzteschaft – und mit dem ab Herbst 2026 startenden FHM-Bachelor erstmals einen akademischen, grundständigen Ausbildungsweg nach deutschem Vorbild.
Wer den Schweizer PA-Beruf realistisch einordnen will, sollte ihn aktuell eher mit der deutschen Frühphase um 2012 vergleichen als mit dem etablierten US-amerikanischen oder niederländischen System – mit dem Unterschied, dass die Schweiz beim Ausbildungsmodell nun einen Sprung direkt zum Bachelor-Niveau macht, statt diesen Weg erst selbst über Jahre zu entwickeln.
Quellen
- creaSKILL GmbH. (o. D.). Physician Assistance B.Sc. in der Schweiz. Abgerufen am 20. Juni 2026, von https://creaskill.ch/physician_assistance/
- Halvachizadeh, S., Goezmen, S., Schuster, S., Teuben, M., Baechtold, M., Probst, P., Hauswirth, F., & Muller, M. K. (2022). The implementation of physicians assistant in a surgical ward improves continuity in daily clinical work and increases comprehensibility of nurses and physicians. Patient Safety in Surgery, 16, Article 34. https://doi.org/10.1186/s13037-022-00344-7
- PA Blog. (2025, 28. Februar). Neues Versorgungsmodell: Schweiz erprobt Physician Assistant in der präklinischen Versorgung. https://pablog.de/news/schweiz-erprobt-physician-assistant-in-der-praeklinik/
- Physician Associates Switzerland (PAS). (o. D.-a). Über uns. Abgerufen am 20. Juni 2026, von https://physician-associates.ch/de/ueber-uns/
- Physician Associates Switzerland (PAS). (o. D.-b). Startseite. Abgerufen am 20. Juni 2026, von https://www.physician-associates.ch/
- Timmermans, M. J. C., van Vught, A. J. A. H., Peters, Y. A. S., Meermans, G., Peute, J. G. M., Postma, C. T., Smit, P. C., Verdaasdonk, E., de Vries Reilingh, T. S., Wensing, M., & Laurant, M. G. H. (2017). The impact of the implementation of physician assistants in inpatient care: A multicenter matched-controlled study. PLoS ONE, 12(8), e0178212. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0178212
- Wikipedia. (2024, 25. Mai). Physician Associates Switzerland. In Wikipedia, die freie Enzyklopädie. Abgerufen am 20. Juni 2026, von https://de.wikipedia.org/wiki/Physician_Associates_Switzerland
- ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. (o. D.). Physician Associates / Klinische Fachspezialisten. Abgerufen am 20. Juni 2026, von https://www.klinischefachspezialisten.ch/
Hinweis zur Quellenlage: Anders als bei den USA-, NL- und DE-Kapiteln dieser Reihe stützt sich dieser Beitrag teilweise auf Verbands- und Wikipedia-Quellen statt auf amtliche Register oder grössere Kohortenstudien – schlicht weil diese für die Schweiz noch nicht existieren. Das ist Teil des Befunds, nicht nur eine methodische Einschränkung.