Physician Assistants im Ländervergleich

Vergleich Physician Assistant USA, Niederlande und Deutschland

20. Juni 2026 | Heinz W. Süess

Was die Evidenz aus den USA, den Niederlanden und Deutschland wirklich zeigt — und warum sich „Wert” in jedem Gesundheitssystem anders bemisst.

Physician Assistants im Ländervergleich — USA, Niederlande, Deutschland
USA
39
ausgewertete Studien zur Kosteneffektivität
Niederlande
2.326
registrierte PAs (Feb. 2025)
Deutschland
5.081
PA-Studierende, WS 2024/25

Der Ärztemangel ist kein lokales Problem. Ob in ländlichen US-Bundesstaaten, niederländischen Hausarztpraxen oder deutschen Kliniken – überall sucht das Gesundheitswesen nach Wegen, ärztliche Kapazität zu strecken, ohne die Versorgungsqualität zu gefährden. Ein Berufsbild taucht dabei in allen drei Ländern auf: der Physician Assistant (PA). Doch der gemeinsame Name täuscht über sehr unterschiedliche Realitäten hinweg.

Wie lange gibt es den Beruf? Wie wird er eingesetzt? Und vor allem: Was sagt die tatsächliche Evidenz – nicht das Marketingversprechen – über seinen Nutzen? Dieser Beitrag vergleicht drei sehr unterschiedliche Reifegrade: das seit über 50 Jahren etablierte US-amerikanische System, die methodisch fortschrittlichste Evidenzbasis in den Niederlanden, und den jungen, schnell wachsenden deutschen Markt.

US

Das etablierte, abrechnungsfähige Modell

Seit den 1960er-Jahren etabliert · grösste Studienzahl · direkte Abrechnungsfähigkeit als wirtschaftlicher Hebel

Studienqualität: überwiegend retrospektiv — 29 von 39 Studien retrospektiv, 10 prospektiv

In den USA existiert der PA-Beruf seit den 1960er-Jahren und ist heute fester Bestandteil praktisch jeder medizinischen Fachrichtung. Die umfassendste Übersichtsarbeit zum wirtschaftlichen Nutzen stammt von van den Brink et al. (2021), die in einem systematischen Review 39 Studien zur Kosteneffektivität von PAs auswerteten. Das Ergebnis: In 29 von 39 Studien war die Versorgung durch PAs kostengünstiger als durch Ärzt:innen, in 18 von 39 Studien übertraf die Versorgungsqualität sogar die ärztliche – bei vergleichbaren oder geringeren Kosten.

Kanadische Daten, zusammengefasst von Dies und Taylor (2019) auf Basis mehrerer Berichte des Conference Board of Canada, zeigen konkrete operative Effekte: PAs sparten ihren betreuenden Ärzt:innen über 200 Std./Jahr, steigerten die chirurgische Produktivität um mehr als 35 % und reduzierten in Notaufnahmen mit Fast-Track-Systemen die Zahl der unversorgt bleibenden Patient:innen um rund die Hälfte.

Kernbefund

Medicare vergütet ärztliche und chirurgische Leistungen, die von PAs erbracht werden, mit 85 % des Arzttarifs – unabhängig vom Praxis-Setting (American Academy of Physician Associates, o. D.; Centers for Medicare & Medicaid Services, o. D.). Bei einem mittleren PA-Gehalt von rund 133.000 USD (U.S. Bureau of Labor Statistics, 2025) – deutlich unter dem eines Facharztes – ist genau diese Lücke der eigentliche ökonomische Antrieb.

NL

Vorreiter mit der härtesten Evidenz

Rund 25 Jahre Erfahrung · breiter Einsatz auch in Hausarztpraxen · methodisch stärkste Studie im Vergleich

Studienqualität: multizentrisch, kontrolliert — 34 Stationen, 2.292 Patient:innen

Die Niederlande gelten in Europa als Vorreiter. Seit der Einführung vor rund 25 Jahren ist die Zahl der registrierten PAs kontinuierlich gewachsen: von etwa 350 im Jahr 2012 auf 2.326 registrierte PAs zum 1. Februar 2025 (BIG-register, 2025). Anders als in Deutschland arbeiten niederländische PAs nicht nur stationär, sondern auch breit in Hausarztpraxen und in der Langzeitpflege – ein erheblicher Teil der vom Capaciteitsorgaan empfohlenen 320 neuen Ausbildungsplätze pro Jahr entfällt gezielt auf die hausärztliche Versorgung (Capaciteitsorgaan, 2025).

Was die Niederlande von anderen Ländern unterscheidet, ist die Qualität der zugrunde liegenden Forschung. Die Arbeitsgruppe um Timmermans am Radboud University Medical Center führte eine der wenigen multizentrischen, kontrollierten Studien zum Thema durch: 34 Krankenhausstationen, 2.292 Patient:innen, verglichen über den gesamten Behandlungsverlauf von Aufnahme bis einen Monat nach Entlassung (Timmermans et al., 2017a). Ergebnis bei der Versorgungsqualität: kein signifikanter Unterschied bei qualitätsadjustierten Lebensjahren (QALY) zwischen Stationen mit gemischten PA/Arzt-Teams und Stationen mit ausschliesslich ärztlicher Besetzung.

Kernbefund

Die begleitende Kosteneffektivitätsanalyse (Timmermans et al., 2017b) zeigt: Die Personalkosten waren im PA/Arzt-Modell signifikant niedriger. Bei den gesamten Behandlungskosten über den kompletten Versorgungsverlauf zeigte sich jedoch kein signifikanter Unterschied – in einer explorativen Teilanalyse lagen die Kosten je Verweildauer im reinen Arzt-Modell sogar leicht günstiger. Kein einfaches „PA = automatisch billiger", sondern gleichbleibende Qualität bei tieferen Personal-, aber nicht zwingend tieferen Gesamtkosten.

DE

Jung, wachsend, Evidenz im Aufbau

Beruf seit 2005 · fast ausschliesslich stationär · grosse kontrollierte Studie läuft gerade erst an

Studienqualität: Surveys & Einzelstudien — kontrollierte Studie (PAAM) in Vorbereitung

In Deutschland ist der PA ein vergleichsweise neuer Beruf. Die erste Hochschule führte den Studiengang 2005 ein; aktiv im klinischen Alltag sind PAs nach Angaben von Meyer-Treschan et al. (2022) seit etwa 2012. Das Wachstum der letzten Jahre ist deutlich: Zum Wintersemester 2024/25 waren erstmals über 5.000 Personen in PA-Studiengängen eingeschrieben, und rund 2.450 Personen verfügen aktuell über einen abgeschlossenen PA-Bachelor (DHGS Hochschule für Gesundheit und Sport, 2026). Mehr als 20 Hochschulen bieten den Studiengang inzwischen an, vier davon zusätzlich ein Masterprogramm.

Zur tatsächlichen Wirkung gibt es bislang weniger kontrollierte Studien als in den Niederlanden, aber erste belastbare Hinweise. Eine Untersuchung in einer interdisziplinären Notaufnahme fand: Ärzt:innen waren mit ihren PA-Kolleg:innen sehr zufrieden und berichteten eine deutliche Arbeitsentlastung – ohne dass sich die Bearbeitungszeit der Fälle dadurch verlängerte (Meyer-Treschan et al., 2022). Eine bundesweite Online-Befragung unter Chirurg:innen und PAs zeigte zudem: Kliniken mit mindestens 90 chirurgischen Betten setzen mit 65 % deutlich häufiger PAs ein als kleinere Häuser mit 40 % – bei grundsätzlich hoher Zufriedenheit auf beiden Seiten (Schneider et al., 2024).

Bemerkenswert ist, dass die grössere, kontrollierte Forschung gerade erst beginnt: Der Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) fördert seit 2024 mit rund 6,7 Mio. € über 45 Monate das Projekt PAAM am Universitätsklinikum Essen, das erstmals systematisch untersucht, wie PAs die hausärztliche Versorgung – insbesondere in ländlichen Gebieten – entlasten könnten (idw-online, 2024). Bislang werden deutsche PAs nämlich fast ausschliesslich stationär in Kliniken eingesetzt, anders als in den USA oder den Niederlanden.

Wichtige Einordnung

In Deutschland gibt es – anders als in den USA – keine eigene Abrechnungsfähigkeit für PA-Leistungen gegenüber der gesetzlichen Krankenversicherung; das „Wert"-Argument läuft hier über Arbeitszeit-Entlastung und Freiraum für die ärztliche Weiterbildung, nicht über direkten Umsatz. Zudem fehlt bislang eine bundeseinheitliche berufsrechtliche Regelung des Berufsbilds (Gerst, 2025).

Was die drei Länder voneinander unterscheidet

Der Bedarf, der den PA-Beruf in allen drei Ländern antreibt, ist identisch: alternde Bevölkerung, Ärztemangel besonders in der Fläche, steigender Versorgungsdruck. Was sich fundamental unterscheidet, ist, woran „Wert" im jeweiligen Gesundheitssystem gemessen wird.

🇺🇸 USA

Direkte Abrechnungsfähigkeit gegenüber Kostenträgern zählt. PAs erwirtschaften messbaren Umsatz bei geringeren Personalkosten — ein klassisches betriebswirtschaftliches Kalkül.

🇳🇱 Niederlande

Die robusteste Studie zeigt eine differenzierte Realität: stabile Versorgungsqualität und tiefere Personalkosten, aber keinen automatischen Vorteil bei den Gesamtbehandlungskosten.

🇩🇪 Deutschland

Das ökonomische Abrechnungsargument fehlt strukturell. Der Nutzen wird vorwiegend qualitativ über Arbeitsentlastung und Weiterbildungszeit begründet — die grosse kontrollierte Studie läuft erst an.

Fazit

Wer den Nutzen von Physician Assistants bewerten will, sollte nicht unkritisch US-Zahlen auf andere Gesundheitssysteme übertragen. Die niederländische Forschung zeigt, dass selbst in einem etablierten System die ökonomische Bilanz differenzierter ausfällt, als oft behauptet wird: gleiche Qualität, tiefere Personalkosten, aber kein automatischer Gesamtkostenvorteil. Deutschland steht noch am Anfang einer eigenen Evidenzbasis – die ersten Studien sind ermutigend, aber die wirklich aussagekräftigen, kontrollierten Untersuchungen, wie sie in den Niederlanden bereits vorliegen, fehlen hierzulande noch.

Quellen

Vergleichende Analyse · Stand der recherchierten Quellen: Juni 2026 · Kein Ersatz für eine fachliche oder gesundheitspolitische Beratung

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