Wenn man plötzlich nicht mehr Mensch ist, sondern nur noch ein Fall

Kranker Junge mit Arzt und Richterhammer

20. April 2026 | Janine Praxmarer

Diagnose: Fallnummer – Wie sich Medizin anfühlen kann

Bevor ich beginne, möchte ich etwas klar sagen:

Das hier ist kein Ärzte-Bashing. Ich werde bewusst keine Namen nennen, keine Abteilungen und auch keine genauen medizinischen Details veröffentlichen, zum Schutz aller Beteiligten.
Es geht mir nicht darum, jemanden an den Pranger zu stellen. Es geht mir darum, eine Erfahrung zu teilen.

Eine Erfahrung, die zeigt, wie sich Medizin heute anfühlen kann, wenn Zeit fehlt, wenn Personal fehlt, wenn alles schnell gehen muss und dabei etwas ganz Wesentliches verloren geht.

 Alles begann im Januar 2025.

Mit einer kleinen Schwellung bei meiner Mama.

Nichts, das Angst gemacht hätte. Nichts, das sofort nach etwas Ernstem aussah. Sie war einfach da. Manchmal sichtbar, manchmal kaum. Monate vergingen, ohne dass sie wirklich eine Rolle spielte. Man lebt weiter, man denkt nicht zu viel darüber nach. Man glaubt, der Körper wird das schon selbst regeln.

Bis zum Herbst.

Da begann diese Schwellung dann doch an zuwachsen. Ganz langsam, aber doch so, dass man es irgendwann nicht mehr ignorieren konnte. Und mit diesem Wachstum kam dieses leise Gefühl, das man nicht greifen kann, dieses „Irgendetwas stimmt nicht“.

Im November 2025 ging meine Mama schließlich zum Hausarzt. Von dort wurde sie weitergeschickt, zur Radiologie. Dort bekam sie eine falsche Diagnose. Mit diesem Befund ging es dann weiter zu einem anderen Arzt. Und von dort schließlich ins Krankenhaus.

Ein Freitag, der Beginn von etwas, das man noch nicht ahnen konnte oder wollte.

Viele Untersuchungen. Viele Menschen. Viele Räume. Ultraschall, CT, Blutabnahmen. Und mittendrin meine Mama, die einfach nur verstehen wollte, was gerade passiert. Am Ende dieses Tages stand fest:

Es muss eine Gewebeprobe gemacht werden. Termin: Dienstag.

Am Montag mussten wir trotzdem noch einmal ins Krankenhaus. Und dort fiel plötzlich etwas auf: ihr Natriumwert war zu niedrig. Zuerst war das nichts weiter als eine Randnotiz. Niemand schien sich wirklich daran zu stören. Es wurde nicht behandelt, nicht erklärt, nicht priorisiert.

Meine Mama sagte dann, dass sie bis Dienstag nach Hause gehen möchte. Für sie war das wichtig. Sie ist eine Angstpatientin und hat dies auch den Ärzten so gesagt. Sie wollte zu Hause schlafen aber nicht aus Angst wegen der Behandlung, sondern wegen allem drumherum. Diese langen Gänge, diese vollen Wartezimmer, diese Unruhe, dieses Gefühl, keinen Platz für sich zu haben. Sie wollte einfach zu Hause schlafen. In ihrer sicheren Umgebung. Um am Dienstag wiederzukommen und das Ganze durchzustehen.

Den ganzen Tag über sagte niemand etwas. Und dann, ganz plötzlich, kippte die Stimmung.

Aus diesem Nebenbefund wurde plötzlich Problem. Ein großes Problem.
Aber nicht, weil man es ihr erklärte. Sondern weil man begann, ihr plötzlich Angst zu machen ohne, dass sie wusste was jetzt los ist. Auf einmal sollte sie bleiben. Unbedingt. Auf ihre Frage, was konkret gemacht wird, wenn sie dort bleibt, kam keine richtige Antwort. Eigentlich nichts. Sie solle einfach weniger trinken.  Das heißt man wollte zwar, dass sie bleibt aber behandeln oder herausfinden warum dieser Wert “scheinbar so bedrohlich” sei, war nicht geplant.

Am Ende musste meine Mama unterschreiben, dass sie auf eigenen Wunsch nach Hause geht.

Und sie ging mit dem Gefühl, vielleicht gerade eine falsche Entscheidung getroffen zu haben. Eine gefährliche Entscheidung aber da man ja eh nichts dagegen getan hätte und nur abgewartet hätte, war für sie klar sie geht heim.

Am Dienstag kam sie zurück zur Gewebeprobe. Sie blieb bis Donnerstag. Das Ergebnis war am Mittwoch da. Erfahren hat sie es am Donnerstagmorgen. ABER!

 Nicht in einem ruhigen Gespräch und auch nicht in einem geschützten Raum. Sondern bei der Visite, einfach mal so mittendrin. Ein Arzt kam herein, sagte kurz, dass bösartige Zellen gefunden wurden und ging wieder. Ein Satz, der ein ganzes Leben verändert. Es war nun klar, dass es Krebs ist. Eine Krankheit vor der sich bestimmt jeder fürchtet. Und niemand bleibt, um diesen Moment aufzufangen oder trotz dieser Diagnose Angst zu nehmen.

Kurz danach kam dann ein anderer Arzt. Am Montag müsse sie bitte wiederkommen. Man müsse an einer anderen Stelle etwas entfernen, weil man vermute, dass dort der Ursprung liegt.Das war alles.

Keine Erklärung. Keine Aufklärung. Kein „Was bedeutet das jetzt für Sie?“.

Nur ein Zettel für das Wochenende, denn sie sich brav durchlesen und unterschreiben sollte. Und wieder nach Hause. Dabei waren die anderen Probleme noch immer da. Der Natriumwert. Ihre chronische Anämie. Der Eisenmangel. Alles stand in den Befunden. Alles war sichtbar. Aber nichts wurde wirklich aufgegriffen. Nichts wurde erklärt.

Am Montag kam sie zurück zur nächsten Operation.

Und ab diesem Moment fühlte sich alles nur noch wie ein Kreislauf an, den niemand wirklich versteht.

Das Natriumproblem war plötzlich kein Thema mehr. Dafür war jetzt das Kalium zu niedrig. Meine Mama bekam daher Infusionen. Dann wieder eine. Dann eine andere. Dann wieder neue. Ein Wert wurde korrigiert, dann war er zu hoch. Also musste wieder etwas gegeben werden, damit es ausgeschwemmt wird. Dann war es wieder zu wenig. Also wieder etwas dagegen. Es ging hin und her. Immer weiter. Und wieder, niemand erklärte, warum das überhaupt passiert.

Meine Mama wusste nicht, was sie da bekommt. Nicht, warum. Nicht, was gerade mit ihrem Körper geschieht. Sie wurde angeschlossen, wieder abgehängt, wieder umgestellt. Und irgendwann hieß es plötzlich, sie müsse auf eine andere Station.

Nicht, weil es ihr schlechter ging, sondern weil man auf dieser Station bestimmte Dinge nicht machen durfte und ein Medikament das  gegen diese Entgleisung helfen soll, hier nicht verabreicht werden durfte. Also wurde sie verlegt, damit man dort überwachen kann, dass die Werte nicht wieder „in die falsche Richtung laufen“. Es war kompliziert. Ich war dabei an diesem Tag und habe genauer nachgefragt, was das alles bedeutet und der Arzt konnte mir eigentlich keine Antwort geben. Ich war an jedem Tag dabei und hatte oft so viele Fragen, bis heute sind sehr viele offen geblieben.

Dann ging es weiter..

Das Ergebnis von dieser Operation war wieder am Mittwoch da. Erfahren hat sie es am Donnerstag.

Doch noch bevor jemand mit ihr gesprochen hatte, bekam sie eine SMS. Terminbestätigungen:

Onkologie.Strahlenambulanz.

Noch bevor sie überhaupt wusste, was sie hat, wusste sie schon, dass sie bestrahlt werden soll. Dass eine Chemotherapie geplant ist. Das Gespräch danach war kurz. Die Operation sei eigentlich umsonst gewesen. Dort habe man nichts gefunden. Man gehe jetzt von einem CUP (Krebs unbekannten Ursprungs) Syndrom aus.

Mehr nicht. Keine Erklärung. Kein Innehalten. Kein „Wir nehmen uns jetzt Zeit für Sie“. Es wurde eigentlich schon in der vorherigen Woche für diese Woche Freitag eine Befundbesprechung vereinbart. ABER!

Die geplante Befundbesprechung am Freitag wurde dann einfach abgesagt.

Und dann wurde meine Mama nach Hause geschickt. Aber zu diesem Zeitpunkt wusste sie noch immer nicht, welche Erkrankung sie hat. Und das ist das, was am meisten weh tut. Nicht nur die Diagnose an sich. Sondern dieser Weg dorthin. Dieses Gefühl, dass niemand wirklich mal stehen bleibt. Dass niemand wirklich hinschaut. Dass niemand wirklich erklärt. Dass man einfach funktioniert.

Von Termin zu Termin. Von Infusion zu Infusion. Von Satz zu Satz. Und irgendwo dazwischen verliert man sich selbst. Vielleicht, weil die Zeit fehlt. Vielleicht, weil das System es nicht anders zulässt.

Aber wenn man es erlebt, dann fühlt es sich nicht nach System an.

Dann fühlt es sich einfach so an, als wäre man in einem der verletzlichsten Momente seines Lebens und niemand ist wirklich da. Und das, was bleibt, ist nicht nur Angst vor dem, was kommt. Sondern dieses tiefe, leise Gefühl, auf diesem Weg nicht als Mensch gesehen worden zu sein und das, obwohl man gerade gesagt bekommt, dass man eine potenziell tödliche Krankheit in sich trägt.

Und was wir damals noch nicht wussten:
Das war erst der Anfang von einer unbegreiflichen Achterbahnfahrt der Gefühle.

Inzwischen haben wir April 2026 und es ist sooo unfassbar viel passiert, dass ich es in mehreren Teilen erzählen möchte.

Wenn auch du so etwas erlebt hast, dann melde dich gerne – du bist nicht allein!

 

Kranker Junge mit Arzt und Richterhammer

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