Viertagewoche Erfahrung aus verschiedenen Branchen

26. Januar 2026 | Heinz W. Süess

Die Viertagewoche gewinnt auch in der Schweiz an Dynamik: Immer mehr Unternehmen testen Modelle mit rund 32–36 Stunden an vier Tagen – oft bei gleichem Lohn – um Fachkräfte zu gewinnen, Gesundheit zu stärken und produktiver zu arbeiten. Erste Erfahrungen von Schweizer KMU, Berufsverbänden und Medien zeigen: Wenn Prozesse gestrafft und Erreichbarkeit klar geregelt werden, berichten viele Betriebe von weniger Krankheitstagen, höherer Arbeitgeberattraktivität und zufriedeneren Mitarbeitenden – bei stabiler oder sogar besserer Leistung.

Ein paar Erfahrungs-Beispiele sollen das verdeutlichen.

1. Freelancer (Kreativbranche)

Erfahrungsbericht: Warum mich die 4-Tage-Woche besser macht (Schürmann, 2023) .
Der Autor testet als Freelancer eine Viertagewoche, weil Freitage chronisch unproduktiv sind, und stellt nach Anlaufschwierigkeiten fest: Mit einem konsequent freien Freitag, echter Distanz zur Arbeit und klarem Mindset wird er an vier Tagen fokussierter, kreativer und subjektiv produktiver. Die Qualität seiner Arbeit bleibt gleich oder steigt, er erlebt mehr Flow, fühlt sich erholter – und zieht daraus das Fazit, dass weniger Arbeitstage bei konsequenter Umsetzung zu besserer Produktivität und Zufriedenheit führen.

  • Reduktion auf 4 Tage als Selbstständiger, um Kreativität und Fokus zurückzugewinnen.
  • Anfangs gescheitert, weil der „freie Tag“ mit Fachbüchern und Mails gefüllt wurde; erst mit echtem Abstand kam Erholung.
  • Ergebnis: Mehr Produktivität, besserer Flow und subjektiv bessere Arbeitsqualität trotz weniger Arbeitstagen.

2. Wirtschaftsprüfungs‑Kanzlei BerKon (Angestellte in anspruchsvoller Dienstleistung)

Erfahrungsbericht zur Einführung der 4-Tagewoche (BerKon GmbH, 2025).
Die Kanzlei führt schrittweise eine echte 4‑Tage‑Woche mit 32 Stunden bei vollem Gehalt ein und koppelt sie eng an New‑Work‑Maßnahmen wie gute Arbeitsbedingungen, Teamkultur und Flexibilität. Nach einer Übergangsphase (erst 36, dann 32 Stunden) berichten alle von höherer Zufriedenheit und besserer Work‑Life‑Balance bei stabiler Qualität; zusätzliche Personalkosten werden bewusst in Kauf genommen, weil die Kanzlei darin ein langfristiges Wettbewerbs‑ und Produktivitätsplus sieht.

  • Schrittweise Einführung nach „New Work“-Vorbereitung (Digitalisierung, moderne Arbeitsplätze, flexible Zeiten).
  • Nach anfänglichen Engpässen stabilisierte sich das Arbeitsvolumen, Produktivität blieb hoch, Zufriedenheit und Montagsstimmung deutlich besser.
  • Kanzlei sieht die 4-Tage-Woche als strategischen Vorteil im Wettbewerb um Fachkräfte und berichtet von weniger Problemen mit Mitarbeitenden.

3. PR-Agentur Wake up Communications (Team im Agenturalltag)

3 Monate 4-Tage-Woche – ein erstes Fazit (Amireh, 2023).
Die Agentur Wake up testet sechs Monate lang eine 4‑Tage‑Woche bei vollem Gehalt, ohne mehr als 36 Stunden pro Woche zu arbeiten. Nach drei Monaten sind Team und Kunden überwiegend zufrieden: Die Arbeitstage wurden nur leicht verdichtet, Abläufe und Informationsweitergabe wurden strukturierter, und die Mitarbeitenden schätzen den zusätzlichen freien Freitag für Erledigungen und echte Erholung am Wochenende.

  • 4-Tage-Woche bei vollem Gehalt, Agentur läuft im Projektgeschäft mit Deadlines und Events.
  • Mitarbeitende berichten von besserer Work‑Life‑Balance, selteneren Krankheitstagen und insgesamt höherer Zufriedenheit.
  • Experiment gilt als Erfolg, das Modell wird fortgeführt; Kund:innen merken keine Qualitätseinbussen.

4. Mehrere Kanzleien im Vergleich (Sammel-Erfahrungsbericht)

Die Vier-Tage-Woche – fünf Kanzleien berichten(Kröner, 2025).
Der Artikel zeigt anhand fünf Kanzleien, dass es nicht „die“ Vier-Tage-Woche gibt, sondern sehr unterschiedliche Modelle: Einige Kanzleien setzen auf einen einheitlich freien Freitag und externe Dienste für Erreichbarkeit, andere kombinieren Vier-Tage-Woche mit gezielter Digitalisierung oder lassen Mitarbeitende flexibel zwischen vier längeren oder fünf kürzeren Tagen wählen. Gemeinsamer Nenner sind bessere Work‑Life‑Balance, höhere Attraktivität als Arbeitgeber und teils effizientere Abläufe – aber auch erhöhter Organisationsaufwand und die Notwendigkeit, Rahmenbedingungen, Kommunikation und Arbeitszeitreduktion sehr bewusst zu gestalten.

  • Fünf Anwalts‑/Steuerkanzleien schildern, wie sie Präsenzzeiten, telefonische Erreichbarkeit und Kommunikation mit Mandanten neu organisieren.
  • Einheitlicher Vier-Tage-Rhythmus (Mo–Do) erleichtert Struktur, externe Dienstleister sichern Erreichbarkeit am Freitag.
  • Fazit: Möglich, aber nur mit klarer Planung, Kommunikation und angepassten Prozessen – dann steigt Motivation und Arbeitgeberattraktivität.

5. Medienberichte aus der Schweiz

  • ​Im Restaurant Miss Miu können Beschäftigte freiwillig eine verdichtete Viertagewoche mit sehr langen Schichten wählen: Das bringt drei freie Tage und spürbar mehr Zeit für Familie und Erholung, ist aber körperlich anstrengend, reduziert die Abend‑Feierabendzeit stark und funktioniert nur, wenn es freiwillig bleibt und individuell gut passt (Milena Kälin, 2025).

  • SRF & Tagesanzeiger: Porträts von Betrieben wie der Bäckerei «Nagli» oder IT-Firmen, in denen Angestellte von besserer Work-Life-Balance und höherer Zufriedenheit berichten. Der Artikel zeigt: Viertagewoche kann bei guter Organisation Umsatz, Gesundheit, Zufriedenheit und Arbeitgeberattraktivität erhöhen – etwa bei Seerow, wo ein 35‑Stunden‑Modell mit besseren Teamprozessen gut funktioniert. In anderen Fällen, wie bei Glutform, führten lange Tage, Übergabe‑Probleme, private Zusatzbelastungen und Kundenärger dazu, dass Mitarbeitende sich die Fünftagewoche zurückwünschten und das Modell auf viereinhalb Tage mit gemeinsamer Präsenz angepasst wurde (Tamedia AG, 2025).

  • Arbeitgeberportale (z. B. kununu, KMU-Portale): Sammeln Stimmen von Mitarbeitenden in Unternehmen, die auf 4 Tage umgestellt haben.
    Der Artikel erklärt, dass Vier-Tage-Woche meist bedeutet: gleiche Wochenstunden auf vier statt fünf Tage verteilt – oder echte Arbeitszeitreduktion, wenn der Arbeitgeber das freiwillig anbietet. Er zeigt rechtliche Möglichkeiten in DACH, typische Vorteile (zusätzlicher freier Tag, bessere Erholung, teils weniger Burnout und Fehlzeiten, höhere Attraktivität als Arbeitgeber) und Nachteile (deutlich längere Arbeitstage oder alternativ weniger Lohn) und grenzt die Vier-Tage-Woche von echten Kurzmodellen wie der 30‑Stunden‑Woche ab, für die es inzwischen erfolgreiche Praxisbeispiele gibt (Nadja Strömsdörfer, 2025).​

 

Quellen

Schürmann, J. (2023, 6. März). Erfahrungsbericht: Warum mich die 4‑Tage‑Woche besser macht. UPLOAD Magazin. https://upload-magazin.de/32641-erfahrungsbericht-4-tage-woche/

BerKon GmbH. (2025, 2. April). Erfahrungsbericht zur Einführung der 4‑Tagewochehttps://www.berkon.de/wirtschaftspruefung-kanzlei-potsdam/einfuehrung-4-tage-woche/

Amireh, N. (2023, 14. Mai). 3 Monate 4‑Tage‑Woche – ein erstes Fazit. Wake up Communications. https://www.wakeup-communications.de/blog/3-monate-4-tage-woche-ein-erstes-fazit/

Milena Kälin. (2025, November 3). Viertagewoche bei “Miss Miu”: Mitarbeiter über ihre Erfahrungen. Blick. https://www.blick.ch/wirtschaft/im-restaurant-miss-miu-veraendert-die-viertagewoche-alles-abends-habe-ich-kaum-noch-energie-das-darf-man-nicht-unterschaetzen-id21387731.html

Kröner, J. (2025, May 2). So setzen Kanzleien die Vier-Tage-Woche um Fünf Kanzleien berichten. MkG – Mit Kollegialen Grüßen. https://mkg-online.de/2024/01/10/die-vier-tage-woche-fuenf-kanzleien-berichten/

Tamedia AG. (2025, December). Tages-Anzeiger. https://www.tagesanzeiger.ch/viertagewoche-in-der-schweiz-firmen-ueber-erfolge-probleme-956594788837

Nadja Strömsdörfer. (2025, February 19). Vier-Tage-Woche: Alles, was du wissen musst. Kununu News. https://news.kununu.com/4-tage-woche-vorteile-nachteile/

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