Feedbackkultur heißt nicht: einmal jährlich ein PDF ausfüllen

19. Januar 2026 | Janine Praxmarer

Ein Termin im Kalender.
Wochen im Voraus geplant.
Ein strukturierter Leitfaden.
Skalen, Felder, Freitext.

Am Ende die Frage:
„Haben Sie noch etwas?“

Viele Mitarbeitende verneinen. Nicht, weil es nichts zu sagen gäbe ,sondern weil sie gelernt haben, dass es nichts bringt.

Feedback gilt als eines der zentralen Instrumente für:
Lernen, Entwicklung und Leistung in Organisationen.

Kaum ein Führungsleitbild kommt ohne das Bekenntnis zu „offener Feedbackkultur“ aus.
Und doch zeigt sich in der Praxis ein anderes Bild:

Feedback wird vermieden, entschärft, ritualisiert oder folgenlos abgelegt.

 

Das Problem ist nicht mangelnder Wille.
Das Problem ist ein grundlegendes Missverständnis darüber, was Feedbackkultur tatsächlich bedeutet.

Feedbackkultur ist kein Prozess – sie ist gelebtes Verhalten

In vielen Organisationen wird Feedback strukturell organisiert:

durch Mitarbeitergespräche, Performance-Reviews, 360°-Befragungen oder Pulse Surveys. Diese Instrumente können sinnvoll sein – sie ersetzen jedoch keine Kultur.

Forschung zeigt, dass Feedback dann wirksam ist, wenn es kontinuierlich, dialogisch und kontextnah erfolgt (London & Smither, 2002). Isolierte Feedbackereignisse hingegen verlieren schnell ihre Wirkung, weil sie vom Arbeitsalltag entkoppelt sind.

Feedbackkultur zeigt sich nicht darin, dass Feedback vorgesehen ist,
sondern wie selbstverständlich es im Alltag stattfindet.

Oder zugespitzt:

Wenn Feedback einen eigenen Termin braucht, ist es meist schon zu spät.

 

Warum Feedback so oft wirkungslos bleibt

1. Feedback wird mit Bewertung verwechselt

Ein zentrales Problem vieler Feedbackformate ist ihre Nähe zur Leistungsbewertung. Sobald Feedback als Beurteilung erlebt wird, verschiebt sich der Fokus von Lernen zu Selbstschutz. Mitarbeitende beginnen, sich zu rechtfertigen oder anzupassen, statt zu reflektieren.

Die Metaanalyse von Kluger und DeNisi (1996) zeigt eindrücklich:
Mehr als ein Drittel aller Feedbackinterventionen verschlechtert die Leistung, insbesondere dann, wenn Feedback als Urteil über die Person wahrgenommen wird.

Statt Orientierung zu geben, erzeugt solches Feedback Stress, Angst und Defensive.


2. Es fehlt an psychologischer Sicherheit

Ehrliches Feedback setzt ein Umfeld voraus, in dem Menschen keine negativen Konsequenzen befürchten müssen. Amy Edmondson (1999) beschreibt dieses Umfeld als psychologische Sicherheit – die geteilte Überzeugung, dass zwischenmenschliche Risiken erlaubt sind.

Ohne psychologische Sicherheit passiert Folgendes:

  • Feedback wird beschönigt

  • Probleme werden spät oder gar nicht angesprochen

  • Kritik wird indirekt oder humoristisch verpackt

  • Schweigen wird zur Strategie

Oder, wie es viele Mitarbeitende erleben:

„Offen darf man sein – solange es nichts kostet.“

3. Feedbackkompetenz wird überschätzt

Feedback geben und annehmen gilt häufig als Selbstverständlichkeit. Tatsächlich handelt es sich um eine hochkomplexe kommunikative Fähigkeit, die Wahrnehmung, Sprache, Beziehungsgestaltung und Selbstreflexion erfordert.

Studien zeigen, dass die Wirkung von Feedback stark davon abhängt,

  • wie konkret es formuliert ist,

  • ob es sich auf beeinflussbares Verhalten bezieht,

  • und ob es handlungsorientierte Perspektiven eröffnet (Hattie & Timperley, 2007).

Ohne Training greifen Führungskräfte häufig auf:

  • Verallgemeinerungen („Sie müssten sich mehr einbringen“)

  • Persönlichkeitszuschreibungen („Sie sind halt eher zurückhaltend“)

  • oder ausweichende Formulierungen, um Konflikte zu vermeiden.

Das Ergebnis: gut gemeint, schlecht wirksam.


4. Feedback bleibt folgenlos

Nichts untergräbt Feedbackkultur stärker als der Eindruck, dass Rückmeldungen keine sichtbare Wirkung haben. Wenn nach Feedbackgesprächen weder Entscheidungen noch Verhaltensänderungen erkennbar sind, entsteht Zynismus.

Mitarbeitende lernen schnell:

„Warum etwas sagen, wenn sich ohnehin nichts ändert?“

Feedback ohne Konsequenz ist kein Lerninstrument.
Es ist ein Ritual.


Was Feedbackkultur wirklich ausmacht

Eine wirksame Feedbackkultur entsteht nicht durch mehr Formulare, sondern durch klare Prinzipien im Alltag.

1. Regelmäßigkeit statt Ritualisierung

Kurze, situative Rückmeldungen sind nachhaltiger als seltene Großformate. Feedback wirkt besonders dann, wenn es zeitnah erfolgt und an konkrete Situationen anknüpft.

2. Beidseitigkeit statt Hierarchie

Feedbackkultur bedeutet, dass Rückmeldungen in alle Richtungen fließen dürfen – auch an Führungskräfte. Studien zeigen, dass Organisationen mit reziprokem Feedback lernfähiger und resilienter sind (London & Smither, 2002).

3. Verhalten statt Persönlichkeit

Wirksames Feedback bezieht sich auf beobachtbares Verhalten, nicht auf Charakter oder Motive. Das erhöht die Akzeptanz und reduziert Abwehrreaktionen.

4. Zukunftsorientierung statt Vergangenheitsfixierung

Feedback entfaltet dann Wirkung, wenn es nicht nur beschreibt, was war, sondern Orientierung für zukünftiges Handeln bietet (Hattie & Timperley, 2007).

5. Sichtbare Umsetzung

Feedbackkultur wird glaubwürdig, wenn sichtbar wird, was aufgrund von Feedback anders gemacht wird – selbst dann, wenn nicht jede Rückmeldung umgesetzt werden kann.


Die Rolle von Führung in der Feedbackkultur

Führungskräfte prägen Feedbackkultur stärker als jedes Leitbild. Ihr Verhalten signalisiert, ob Feedback erwünscht, toleriert oder riskant ist. Studien zeigen, dass Führungskräfte, die selbst aktiv Feedback einholen, psychologische Sicherheit signifikant erhöhen (Edmondson, 1999).

Feedbackkultur beginnt daher nicht bei Mitarbeitenden,
sondern bei der Feedbackfähigkeit von Führung.

Fazit

Viele Organisationen verfügen über Feedbackprozesse.
Aber Feedbackkultur ist kein Prozess.

Sie zeigt sich im Alltag.
In Gesprächen.
Im Umgang mit Kritik.
Und in der Frage, ob Rückmeldungen etwas bewirken dürfen.

Feedback ist unbequem.
Aber genau deshalb ist es unverzichtbar.

Oder anders gesagt:

Wer Feedback nur dann möchte, wenn es angenehm ist,
möchte keine Entwicklung – sondern Bestätigung.

Quellenverzeichnis 

Edmondson, A. (1999). Psychological safety and learning behavior in work teams. Administrative Science Quarterly, 44(2), 350–383. https://doi.org/10.2307/2666999

Hattie, J., & Timperley, H. (2007). The power of feedback. Review of Educational Research, 77(1), 81–112. https://doi.org/10.3102/003465430298487

Kluger, A. N., & DeNisi, A. (1996). The effects of feedback interventions on performance: A historical review, a meta-analysis, and a preliminary feedback intervention theory. Psychological Bulletin, 119(2), 254–284. https://doi.org/10.1037/0033-2909.119.2.254

London, M., & Smither, J. W. (2002). Feedback orientation, feedback culture, and the longitudinal performance management process. Human Resource Management Review, 12(1), 81–100. https://doi.org/10.1016/S1053-4822(01)00043-2

Für Newsletter anmelden

(Die Newsletter werden cirka alle zwei Monate versandt)

WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner