Wenn man plötzlich nicht mehr Mensch ist, sondern nur noch ein Fall – Teil 2

Kranker Junge mit Arzt und Richterhammer

03. Mai 2026 | Janine Praxmarer

Diagnose: Fallnummer – Wie sich Medizin anfühlen kann

Die Befundbesprechung hat nie stattgefunden. Bis heute nicht. Und trotzdem wusste meine Mama plötzlich, dass sie eine Chemotherapie und eine Bestrahlung machen soll. Nicht, weil es ihr jemand in Ruhe erklärt hätte, sondern weil es einfach so feststand. Ohne Kontext. Ohne Verständnis. Ohne ein Gespräch, das ihr geholfen hätte, diese Situation überhaupt zu begreifen.

Die Erstgespräche dafür waren im Dezember geplant, und ich bin natürlich mit meiner Mama hingegangen. Das Problem war nur: Die Woche davor hatte sie einen Magen-Darm-Infekt und war extrem geschwächt. Sie lag fast nur im Bett, hatte kaum Kraft. Und zusätzlich kommt bei ihr noch etwas dazu, das sie schon ihr ganzes Leben begleitet: diese langen Krankenhausgänge ohne Fenster, diese Enge, diese Unruhe – das setzt ihr extrem zu.

Das erste Gespräch zur Chemotherapie wäre an einem Freitag gewesen. Wir standen bei der Anmeldung, als ich plötzlich gemerkt habe, dass meine Mama zu wackeln beginnt. Und dann war sie einfach weg. Sie wurde ohnmächtig. In so einem Moment hätte ich mir einfach gewünscht, dass jemand kurz innehält. Dass jemand versteht, was da gerade passiert. Dass jemand vielleicht sagt: „Setzen wir uns kurz hin.“ Oder einfach fragt: „Geht es Ihnen gut?“

Was kam, war nur ein Satz: „So können wir niemanden therapieren oder ein Gespräch führen.”

Kein Nachfragen. Kein Auffangen. Kein Versuch zu verstehen. Stattdessen wurde einfach ein neuer Termin ausgemacht. Und wir standen da, mit dem Gefühl, dass es nicht um den Menschen geht, sondern nur darum, ob jemand „funktioniert“.

In der Zwischenzeit stand der Termin für die Bestrahlung an – die Anfertigung der Maske. Dieser Termin fand in einem Keller statt. Die Luft war stickig, es roch streng, es war warm, dunkel und eng. Schon beim Reingehen war klar, dass das schwierig wird. Und dann passierte genau das, wovor ich Angst hatte: Meine Mama wurde wieder ohnmächtig.

Doch anstatt Verständnis zu zeigen, reagierte die zuständige Ärztin auch genervt und verärgert. Es gab kein ruhiges Gespräch, kein Nachfragen, kein Innehalten. Stattdessen wurden wir direkt auf die Notaufnahme verwiesen. Die Begründung: Der Tumor sei schuld an den Ohnmachten.

Ich habe mehrmals gesagt, dass das nicht stimmt. Dass das nichts mit dem Tumor zu tun hat. Dass es die Situation ist, die Überforderung, die Umgebung. Aber es interessierte niemanden. Es wirkte eher so, als wollte man uns einfach weiterreichen.

Also gingen wir in die Notaufnahme. Dort wusste man dann nicht wirklich, was man mit meiner Mama anfangen sollte. Ihre Vitalwerte waren in Ordnung, es ging ihr nicht akut schlecht. Es war einfach alles zu viel gewesen. Trotzdem saßen wir dort fünf Stunden im Gang. Und es passierte nichts.

Irgendwann bin ich zu einem Arzt gegangen und habe gesagt, dass wir gehen werden, wenn hier ohnehin nichts passiert. Erst dann kam eine Psychologin. Sie hat sich kurz Zeit genommen, mit meiner Mama gesprochen und ihr zugehört. Und genau in diesem Moment wurde mir klar, was die ganze Zeit gefehlt hat: jemand, der einfach zuhört. Der versucht zu verstehen. Mehr wäre es gar nicht gewesen.

Danach sind wir nach Hause gegangen. Aber das war erst der Anfang.

Denn während wir noch versucht haben, das alles irgendwie zu verarbeiten, wurden im Hintergrund bereits Entscheidungen getroffen. Das Tumorboard beschloss eine Immuntherapie. Nicht, weil man gemeinsam mit meiner Mama einen Weg gefunden hätte, sondern weil man sie nie wirklich verstanden hat. Sie hatte gerade erst eine schwere Diagnose bekommen. Sie wusste noch immer nicht genau, was sie eigentlich hat. Es gab keine richtige Befundbesprechung. Und trotzdem sollte sie Entscheidungen treffen, Termine wahrnehmen, Behandlungen beginnen.

Und dann kam der Moment, der für mich bis heute schwer zu begreifen ist.

Meine Mama wurde eingeladen, um ihr mitzuteilen, dass man sie nur palliativ behandeln wird. Dass mit ihr keine kurative systemische Therapie durchgeführt werden kann.

Nicht, weil es medizinisch unmöglich gewesen wäre. Sondern, weil man sie als nicht therapiefähig eingestuft hat.

In diesem Moment dachte ich mir nur: Geht es eigentlich noch?

Ein Mensch, der gerade eine Krebsdiagnose bekommen hat. Der körperlich geschwächt ist. Der Angst hat. Der überfordert ist von all dem, was da passiert. Und anstatt ihn aufzufangen, wird genau diese Überforderung gegen ihn verwendet.

Und genau da beginnt man zu verstehen, was es wirklich bedeutet, wenn man nicht mehr als Mensch gesehen wird.

Sondern nur noch als Fall.


In zwei Wochen erzähle ich weiter, weil das alles noch längst nicht das Ende war.

Wenn auch du so etwas erlebt hast, dann melde dich gerne – du bist nicht allein!

 

Kranker Junge mit Arzt und Richterhammer

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