28. Juli 2026 | Janine Praxmarer
Wenn mich vor ein paar Jahren jemand gefragt hätte, was Employer Branding eigentlich ist, hätte ich wahrscheinlich gesagt: „Das ist halt Marketing für Arbeitgeber." Schöne Bilder, moderne Büros, ein Obstkorb, Homeoffice, Team-Events und auf jeder zweiten Karriereseite steht: „Bei uns steht der Mensch im Mittelpunkt."
Heute sehe ich das alles komplett anders.
Seit ich im Talent Acquisition bei creaSKILL arbeite, beschäftige ich mich jeden Tag mit Menschen, ihren Geschichten und ihren Erwartungen an einen Arbeitgeber. Und genau dadurch ist mir klar geworden, dass Employer Branding viel mehr ist als ein schönes LinkedIn-Profil oder eine gut gestaltete Karriereseite. Vereinfacht gesagt, es geht um Vertrauen.
Denn jeder Bewerber und jede Bewerberin entscheidet sich nicht nur für einen Job. Man entscheidet sich dafür, einen großen Teil seines Lebens bei einem Unternehmen zu verbringen. Umso wichtiger ist es, dass das, was im Recruiting versprochen wird, später auch wirklich gelebt wird.
Wenn schöne Worte nach der Unterschrift verschwinden
Ich glaube, viele kennen dieses Gefühl. Man sitzt im Bewerbungsgespräch und hört genau die Dinge, die man hören möchte. Es wird von einer offenen Unternehmenskultur gesprochen, von Wertschätzung, von Teamgeist, von Work-Life-Balance und davon, wie wichtig die mentale Gesundheit der Mitarbeitenden ist.
Natürlich freut man sich. Man denkt sich: „Genau so einen Arbeitgeber habe ich gesucht."
Doch leider endet diese Geschichte nicht immer so, wie sie begonnen hat.
Sobald der Arbeitsvertrag unterschrieben ist, verschwinden diese schönen Worte manchmal schneller, als einem lieb ist. Plötzlich zählt nur noch Leistung. Überstunden werden selbstverständlich, Stress wird heruntergespielt und wenn jemand ehrlich sagt, dass ihm gerade alles zu viel wird, wird das nicht immer ernst genommen. Genau das finde ich schade.
Jeder Mensch hat Phasen, in denen privat oder beruflich vieles gleichzeitig passiert. Jeder hat Tage, an denen einfach nichts leichtfällt. Und genau in diesen Momenten zeigt sich für mich, wie ein Unternehmen wirklich tickt.
Wird nachgefragt, wenn jemand plötzlich still wird?
Darf man offen sagen, dass es einem gerade nicht gut geht?
Hat man das Gefühl, dass jemand wirklich zuhört?
Oder muss man einfach funktionieren, weil am Ende doch nur die Zahlen zählen?
Echtes Employer Branding beginnt an jedem Arbeitstag
Für mich beginnt genau dort echtes Employer Branding. Nicht bei der ersten Kontaktaufnahme und auch nicht im Bewerbungsgespräch. Sondern an jedem einzelnen Arbeitstag.
Employer Branding bedeutet für mich, dass Mitarbeitende das erleben, was ihnen vorher versprochen wurde. Dass Wertschätzung nicht nur ein Satz auf der Website ist. Dass Führungskräfte zuhören. Dass Fehler erlaubt sind. Dass Menschen nicht nur nach ihrer Leistung bewertet werden, sondern als Menschen gesehen werden.
Niemand erinnert sich Jahre später noch an den Obstkorb oder den Tischkicker. Aber jeder erinnert sich daran, wie man behandelt wurde.
Ob man sich willkommen gefühlt hat. Ob jemand gefragt hat, wie es einem geht. Ob man sich sicher genug gefühlt hat, auch einmal zu sagen: „Heute ist einfach kein guter Tag."
Warum wir careTALKS gegründet haben
Genau deshalb ist mir dieses Thema so wichtig. Und genau deshalb ist es auch creaSKILL ein großes Anliegen. Wir möchten Unternehmen dabei unterstützen, authentische Arbeitgebermarken aufzubauen – und das nicht durch leere Versprechen, sondern durch gelebte Werte. Denn nur wenn Employer Branding und Unternehmenskultur zusammenpassen, entsteht Vertrauen. Und Vertrauen ist die Grundlage für langfristige Zusammenarbeit.
Aus dieser Überzeugung heraus haben Heinz Süess und ich, Janine Praxmarer, den Verein careTALKS in Österreich und der Schweiz gegründet.
Mit careTALKS möchten wir das Thema psychische Gesundheit in der Arbeitswelt enttabuisieren. Wir möchten Menschen eine Stimme geben, echte Gespräche ermöglichen und Unternehmen dazu ermutigen, Mental Health nicht als Pflichtprogramm zu sehen, sondern als Teil einer gesunden Unternehmenskultur.
Denn wir glauben, dass niemand Angst haben sollte, offen über Belastungen zu sprechen. Im Gegenteil: Wer sich sicher fühlt, kann sein Potenzial entfalten. Wer sich wertgeschätzt fühlt, bleibt motiviert. Und wer sich gesehen fühlt, trägt diese Erfahrung auch nach außen.
Für mich ist genau das die stärkste Form von Employer Branding. Nicht die lauteste Werbung. Nicht die schönsten Bilder. Nicht die meisten Benefits. Sondern ein Unternehmen, das seine Mitarbeitenden ernst nimmt – auch dann, wenn es schwierig wird.
Denn am Ende sind es nicht die Marketingkampagnen, die eine Arbeitgebermarke ausmachen. Es sind die Menschen.
Und genau deshalb wünsche ich mir, dass wir aufhören, Employer Branding nur als Recruiting-Thema zu sehen. Es ist ein Versprechen. Ein Versprechen an alle Menschen, die Teil eines Unternehmens werden. Und dieses Versprechen sollte jeden Tag aufs Neue eingelöst werden.

