KI im Arbeitsalltag: Die grössten Potenziale liegen oft näher als gedacht

Kollegen nutzen KI am Laptop im Büro

27. Juli 2026 Janine Praxmarer

Wenn Menschen über künstliche Intelligenz sprechen, denken viele zuerst an spektakuläre Entwicklungen: an selbstfahrende Fahrzeuge, intelligente Roboter oder Systeme, die komplexe Aufgaben scheinbar auf Knopfdruck lösen. Die Medien berichten regelmässig über neue technologische Durchbrüche und vermitteln häufig den Eindruck, dass künstliche Intelligenz vor allem dort stattfindet, wo besonders innovative Technologien eingesetzt werden.

In der Praxis erleben wir jedoch etwas anderes.

Die grössten Potenziale entstehen oft nicht durch futuristische Anwendungen, sondern durch die vielen kleinen Aufgaben, die jeden Tag Zeit kosten. Aufgaben, die notwendig sind, aber kaum zur eigentlichen Wertschöpfung beitragen. Genau deshalb ähneln sich die Herausforderungen in Krankenhäusern, Industrieunternehmen, IT-Abteilungen, Verwaltungen oder Dienstleistungsunternehmen oft viel stärker, als man zunächst vermuten würde.

Die eigentlichen Zeitfresser sitzen selten im Kerngeschäft

Wenn wir Unternehmen fragen, wo ihre Mitarbeitenden die meiste Zeit verlieren, hören wir selten Antworten wie „bei der Produktion“, „bei der Entwicklung“ oder „bei der Kundenberatung“.

Viel häufiger geht es um Tätigkeiten rund um die eigentliche Arbeit. Informationen müssen zusammengesucht werden. Besprechungen werden dokumentiert. Berichte erstellt. E-Mails beantwortet. Daten übertragen. Protokolle geschrieben. Statusberichte vorbereitet. Kundenanfragen sortiert und weitergeleitet.

Jede einzelne Aufgabe für sich betrachtet wirkt überschaubar. In der Summe entstehen daraus jedoch viele Stunden pro Woche, die hoch qualifizierte Mitarbeitende mit administrativen Tätigkeiten verbringen.

Genau hier beginnt der Bereich, in dem künstliche Intelligenz besonders wirkungsvoll unterstützen kann.

Warum die Industrie oft grösseres Potenzial hat als erwartet

Viele Industrieunternehmen verbinden künstliche Intelligenz zunächst mit Produktionsanlagen, Sensorik oder automatisierten Qualitätskontrollen. Diese Anwendungen sind zweifellos spannend und bieten langfristig grosses Potenzial. Gleichzeitig erleben wir immer wieder, dass die ersten Erfolge an ganz anderen Stellen entstehen.

Technische Dokumentationen können schneller erstellt werden. Wartungsberichte lassen sich strukturieren und zusammenfassen. Besprechungen werden automatisch protokolliert. Arbeitsanweisungen können auf Basis bestehender Informationen vorbereitet werden. Auch Bereiche wie Einkauf, Projektmanagement, Qualitätssicherung oder Kundenservice profitieren häufig von KI-gestützten Lösungen.

Der eigentliche Nutzen liegt dabei nicht darin, Mitarbeitende zu ersetzen. Vielmehr gewinnen Fachkräfte Zeit zurück, die sie für anspruchsvolle Aufgaben, Problemlösungen und Kundenprojekte einsetzen können.

Was KI in der IT wirklich verändert

Kaum eine Branche wird derzeit so stark mit künstlicher Intelligenz in Verbindung gebracht wie die IT. Entsprechend häufig taucht die Frage auf, ob Entwicklerinnen und Entwickler in Zukunft überhaupt noch benötigt werden.

Unsere Erfahrungen zeigen jedoch ein deutlich differenzierteres Bild. KI kann heute bereits bei der Erstellung von Code unterstützen, Dokumentationen vorbereiten, Tests generieren oder Fehler analysieren. Dadurch lassen sich bestimmte Arbeitsschritte beschleunigen.

Was künstliche Intelligenz jedoch nicht ersetzen kann, ist das Verständnis für Geschäftsprozesse, die Zusammenarbeit mit Kunden, die Entwicklung tragfähiger Architekturen oder die Fähigkeit, komplexe Anforderungen in funktionierende Lösungen zu übersetzen.

Die erfolgreichsten IT-Teams nutzen KI deshalb nicht als Ersatz für Menschen, sondern als Werkzeug, das Routineaufgaben reduziert und Freiräume für anspruchsvollere Tätigkeiten schafft.

Die grösste Hürde ist selten die Technologie

Interessanterweise scheitern viele KI-Projekte nicht an der Technik. Die meisten Unternehmen haben längst erkannt, dass künstliche Intelligenz Potenzial bietet. Oft existieren bereits Ideen, welche Prozesse verbessert werden könnten.

Was häufig fehlt, ist Orientierung:

  • Welche Lösung passt überhaupt zum Unternehmen?
  • Welche Daten dürfen verarbeitet werden?
  • Welche Anwendungen bringen einen tatsächlichen Nutzen?
  • Und wo sollte man anfangen?

Gerade kleine und mittelständische Unternehmen verfügen selten über eigene KI-Spezialisten. Gleichzeitig entwickelt sich der Markt so schnell, dass es schwierig wird, den Überblick zu behalten. Deshalb besteht die grösste Herausforderung oft nicht darin, die passende Technologie zu finden, sondern darin, einen sinnvollen ersten Schritt zu definieren.

Warum kleine Schritte oft die grössten Erfolge bringen

Viele Unternehmen suchen nach dem grossen KI-Projekt. Nach einer Lösung, die Prozesse grundlegend verändert und sofort messbare Ergebnisse liefert. Die Realität sieht meist anders aus.

Erfolgreiche KI-Einführungen beginnen häufig mit einer einzelnen Fragestellung:

  • Wie können Meeting-Protokolle schneller erstellt werden?
  • Wie lassen sich wiederkehrende Kundenanfragen effizienter bearbeiten?
  • Wie können Berichte einfacher vorbereitet werden?
  • Wie reduzieren wir den Dokumentationsaufwand?

Die Antworten auf diese Fragen führen oft zu überschaubaren Projekten mit einem klaren Nutzen.

Mitarbeitende sammeln erste Erfahrungen, Prozesse werden verbessert und das Unternehmen gewinnt Sicherheit im Umgang mit der neuen Technologie.

KI ist kein Selbstzweck

Eine wichtige Erkenntnis aus vielen Gesprächen mit Unternehmen lautet: Niemand braucht künstliche Intelligenz, nur weil sie aktuell ein Trendthema ist. Entscheidend ist vielmehr die Frage, welches Problem gelöst werden soll.

Der erfolgreiche Einsatz von KI beginnt nicht mit einem Tool. Er beginnt mit einem konkreten Bedarf:

  • Wo verlieren Mitarbeitende täglich Zeit?
  • Welche Aufgaben wiederholen sich ständig?
  • Welche Tätigkeiten sorgen für Frust, obwohl sie keinen direkten Mehrwert schaffen?

Wer diese Fragen beantwortet, findet meist schnell die ersten sinnvollen Einsatzmöglichkeiten.

Fazit: Der beste Einstieg beginnt im Arbeitsalltag

Die Diskussion über künstliche Intelligenz wird häufig von grossen Zukunftsvisionen geprägt. Für Unternehmen ist jedoch eine deutlich praktischere Frage entscheidend: Wo können wir unsere Mitarbeitenden entlasten und ihnen mehr Zeit für ihre eigentlichen Aufgaben verschaffen?

Die Antwort liegt oft näher als gedacht. Nicht in spektakulären Technologien oder millionenschweren Innovationsprojekten, sondern in den vielen kleinen Prozessen, die jeden Tag Zeit kosten. Genau dort entstehen häufig die grössten Effekte.

Denn erfolgreiche KI-Projekte beginnen nicht mit Technologie. Sie beginnen mit einem offenen Blick auf den eigenen Arbeitsalltag.

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